Zwischen 1957 und 1966 hielt sich Konrad Adenauer achtzehnmal in Cadenabbia auf.
Ab 1959 mietete er die Villa La Collina, wo er politische Arbeit mit Spaziergängen und Bocciaspielen verband.
In den 1950er Jahren, mit dem Wirtschaftswunder, wurde Italien das liebste Reiseland der Bundesbürger. Auch der Kanzler fuhr nach Süden, aber nicht ans Meer: Er suchte nicht „La Dolce Vita“, sondern „La Vita Contemplativa“, und er fand sie an den Seen. Den Rat, es mit dem Comer See zu versuchen, gab ihm Heinrich von Brentano di Tremezzo, sein Außenminister von 1955 bis 1961, dessen Vorfahren von diesen Ufern stammten und zum Teil im 17. Jahrhundert als Kaufleute nach Frankfurt gegangen waren. Adenauer kam im Februar und März 1957 zum ersten Mal nach Cadenabbia, und schon bei diesem ersten Aufenthalt machte Griante ihn zum Ehrenbürger. Insgesamt verbrachte er hier achtzehn Urlaube, den letzten 1966.
Eine leere Villa auf dem Hügel
1957 und 1958 wohnte er in zwei Villen in der Nähe, der Villa Rosa und der Villa Arminio. Die Villa La Collina fand er über das Boccia: Ein Carabiniere hatte ihm das Spiel beigebracht, und der Bocciaplatz des Dorfes lag gleich hinter der Villa. Einer seiner Mitspieler war der damalige Bürgermeister Paolo Roda, der den Besitzer kannte; durch seine Vermittlung mietete das Bundeskanzleramt die Villa ab 1959 fünfzehnmal in Folge. Gebaut hatte sie 1899 der Mailänder Hotelier Suardi, und bis in die 1930er Jahre war sie ein privater Sommersitz; danach ging sie an die französische Adelsfamilie Gallifet, die dort bis Anfang der 1950er Jahre die Sommer verbrachte und sie dann jahrelang leer stehen ließ. Wenige Wochen vor der ersten Ankunft des Kanzlers war das Haus in schlechtem Zustand. Der Park ringsum maß 27.000 Quadratmeter.
Drinnen gab es kaum etwas, also wurde geliehen: Aus dem nahen Hotel Britannia kamen Möbel und Geschirr. Wenn Adenauer nach spätestens acht Wochen nach Rhöndorf zurückfuhr, ging alles in die Hotels zurück, und ein halbes Jahr später, bei seiner Rückkehr, räumte man die freien Hotelzimmer erneut für die Villa aus. Aus Deutschland kamen ein großer Stab, ein Safe mit Geheimunterlagen, Tischwäsche und Besteck; in der Küche arbeiteten Köche der Speisewagengesellschaft der Bundesbahn. Ein bequemes Haus war es nicht: Unter dem Dach lebten Fledermäuse und Siebenschläfer, für die Dusche fehlte das warme Wasser, und das Wohnzimmer, dunkel hinter schweren Vorhängen und vorspringenden Terrassen, war so kühl, dass Adenauers Begleiter es „die Gruft“ nannten.
Ein Kanzleramt mit Seeblick
Offiziell war es Urlaub. Tatsächlich wurde die Villa zur italienischen Außenstelle des Bonner Kanzleramts, einem „Ersatzkanzleramt“, das knapp achthundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt arbeitete. Mitarbeiter reisten vorher an, um das Haus zu prüfen; gemeinsam mit den italienischen Behörden wurden Telefon und Fernschreiber angeschlossen, Beamte des Bundeskriminalamts inspizierten das Gelände, und wenn streng Vertrauliches ausgetauscht werden musste, fuhren Kuriere zwischen Bonn und Cadenabbia hin und her. Der Tag hatte seinen Plan: Adenauer stand kurz vor sieben auf, empfing vormittags Besucher oder ging spazieren, spielte am späten Nachmittag Boccia, und abends las man sich im Wohnzimmer vor, spielte Gesellschaftsspiele oder unterhielt sich, bis man sich gegen zehn zurückzog.
In Cadenabbia wurden außenpolitische Treffen und Entscheidungen vorbereitet. Im Sommer 1958 bereitete sich Adenauer am See auf seine erste Begegnung mit Charles de Gaulle vor: Am 13. September verließ er Cadenabbia, am 14. war er in Colombey-les-Deux-Églises, bei dem Treffen, mit dem die deutsch-französische Annäherung begann. Am 4. April 1963 kamen die Spitzen der Koalition in Cadenabbia zusammen, weil die Ratifizierung des Élysée-Vertrags im Bundestag zu scheitern drohte: Dort stimmte der Kanzler zu, dem Vertrag eine Präambel über die atlantische Partnerschaft voranzustellen, und der Vertrag war gerettet. Zu den Gästen gehörten die italienischen Ministerpräsidenten Amintore Fanfani und Antonio Segni, NATO-Generalsekretär Dirk Stikker, der in Menaggio ein Ferienhaus besaß, und am 21. September 1962 der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, der Gegner, gegen den er im Jahr zuvor einen harten Wahlkampf geführt hatte.
Hier in der Provinz Como würde ich mit großer Mehrheit gewählt.
Konrad Adenauer, zitiert an der zweiten Station des historischen Rundgangs der Villa La Collina
Messe, Boccia, San Martino
Sonntags ging er zu Fuß zur Messe, meist mit einer oder mehreren seiner Töchter, von der Villa zur Pfarrkirche Santi Nabore e Felice, und unterwegs grüßten ihn die Leute aus dem Dorf und gingen manchmal hinter ihm her: Diese öffentlichen Kirchgänge trugen viel zu seiner Beliebtheit bei. Der Friseur des Dorfes, der als junger Mann am Mailänder Konservatorium Gesang studiert hatte, sang während der Messe manchmal zu Ehren des Gastes als Solist, und er schnitt ihm auch die Haare; Adenauer sprach kaum Italienisch und der Friseur kein Deutsch, also verständigten sie sich auf Französisch. Seit Anfang der 1960er Jahre markieren Schilder der „Passeggiata Adenauer“ den Weg, über die Via Gianelli, die Via Bellini und die Via Tommaso Grossi, an der Kirche vorbei und weiter hinauf nach San Martino: Offiziell war der Name nie, geblieben ist er trotzdem. Nach San Martino, zu dem Kirchlein auf 475 Metern, das er aus seinem Park in der Bergwand sah, stieg Adenauer mit seinen Töchtern mindestens zweimal hinauf, solange seine Beine es erlaubten.

Adenauer spielte Boccia auf der öffentlichen Bahn außerhalb des Grundstücks. Die beiden Bahnen im Park der Villa sind nicht diejenigen, die er während seiner Aufenthalte nutzte. Am späten Nachmittag versammelten sich deutsche Besucher, um bei den Spielen zuzusehen und ihn zu begrüßen. Er spielte in einem leichten Anzug und mit kariertem Hut. Auch an seinem Wohnhaus in Rhöndorf ließ er eine Bahn anlegen.
Nach ihm
Sein letzter Aufenthalt als Kanzler war Ende des Sommers 1963, wenige Wochen vor seinem Rücktritt, umgeben von Journalisten und Fotografen; am 12. September lud er die Honoratioren des Dorfes und der Provinz zu einem Empfang ins Hotel Bellevue. In den folgenden Jahren arbeitete er in Cadenabbia an seinen Erinnerungen, unterstützt von seiner Mitarbeiterin Anneliese Poppinga, und er kam zum letzten Mal im September und Oktober 1966, ein halbes Jahr vor seinem Tod im April 1967. Nach seinem Tod kaufte ein deutscher Straßenbauunternehmer, ein Verehrer Adenauers, die Villa, nutzte sie privat und bot sie zehn Jahre später wieder zum Verkauf an; 1977 erwarb sie die Konrad-Adenauer-Stiftung samt dem 2,7 Hektar großen Park. Anfang der 1990er Jahre entstand unterhalb der Villa ein zweites Gebäude für Tagungen, die Accademia Konrad Adenauer, und die Bundesrepublik erkennt den Ort als Gedenkstätte von nationaler Bedeutung an. Seit 1992 ist Griante Partnergemeinde von Bad Honnef, der Stadt am Rhein, zu der Rhöndorf gehört.
Die historischen Ereignisse zu diesem Text finden Sie in der Zeitleiste des Sees.





