Die Isola Comacina vor Ossuccio ist die einzige Insel im Comer See und rund sechshundert Meter lang.
Jahrhundertelang war sie eine Festung und Sitz einer Pieve, der Mutterkirche eines ganzen Bezirks. Im 12. Jahrhundert stellte sie sich im Krieg gegen Como auf die Seite Mailands, und 1169 machten die Comasken sie dem Erdboden gleich. Der Ort wurde nie wieder aufgebaut, und seine Kirchen kamen erst bei den Ausgrabungen des 20. Jahrhunderts wieder zum Vorschein.
Schon vor dem Krieg war die Insel ein Machtzentrum. Einst war sie ganz von Mauern umgeben, die eine Siedlung mit vielen weltlichen und kirchlichen Bauten einschlossen, und sie war das Herz der Pieve von Isola, zu der die Kirchen des Westufers vom Tal des Camoggia bis zum Bach Perlana gehörten. Paulus Diaconus berichtet, dass die Byzantiner hier den Langobarden ihren letzten Widerstand leisteten: Ihr Feldherr Francio hielt die Insel zwanzig Jahre lang und überstand eine sechsmonatige Belagerung. Mitte des 10. Jahrhunderts besetzte der Bischof von Como ihre Festung, und 1031 gründete Bischof Litigerio dort das Kanonikerstift Sant'Eufemia. Später näherte sich die Inselgemeinschaft immer mehr Mailand an und geriet immer wieder mit Como aneinander. Die beiden Städte stritten um die Kontrolle der großen Verkehrswege und der Alpenpässe, und die befestigte Insel stand seit jeher allen im Weg, die von Como aus den See beherrschen wollten.
Zehn Jahre Krieg
Der Krieg begann 1118. Fast alles, was man über ihn weiß, stammt aus dem Gedicht eines Klerikers aus Como, dessen Name nicht überliefert ist, des Anonimo Cumano: Er sagt, er habe den Krieg mit eigenen Augen gesehen, und erzählt ihn aus der Sicht seiner Stadt. Mailand sicherte sich die Unterstützung der Pievi von Bellagio, Menaggio, Gravedona und Nesso und vor allem der Pieve von Isola, und der See wurde zum Schlachtfeld. Im April 1119 liefen die Inselbewohner mit sieben Schiffen von der Zoca de l'oli aus, der Bucht zwischen der Insel und Spurano, in der sie ihre Boote bargen, und landeten in Laglio, um Cernobbio anzugreifen. Die gewarnten Comasken legten einen Hinterhalt: Viele Inselbewohner flohen zu ihren Schiffen, die sich vom Ufer entfernt hatten, und ertranken unter dem Gewicht ihrer Rüstungen. In jenem Jahr verlor die Insel ihre Flotte. 1120 plünderten die Comasken mit rund dreißig Meter langen Schiffen, die mit Holztürmen und Rammspornen bewehrt waren, Tremezzo, gewannen eine Schlacht zwischen der Landspitze von Balbiano und Casate, plünderten Lezzeno und zerstörten die Schiffe, die unter den Mauern der Insel vertäut lagen. Dann brannten sie Campo, Sala und Colonno nieder, deren Verteidiger sich schwimmend auf die Insel retteten.
Die Belagerung der Burg
1124 war die Insel selbst an der Reihe und wurde besetzt. Die Comasken landeten, kämpften an den Toren der Mauer, plünderten die Insel und steckten sie in Brand; ein Teil der Verteidiger verschanzte sich in der Burg, die übrigen sprangen ins Wasser und hielten auf Sala und Spurano zu. Die Inselbewohner weigerten sich aufzugeben, und die Comasken kehrten zurück, um die Burg zu nehmen und die Insel ein für alle Mal zu schleifen. Sie fällten viele Öl- und Obstbäume, banden daraus Reisigbündel, schichteten sie an den Mauern auf und zündeten sie an; dann beschossen sie die Burg mit Katapulten, die auf Holzplattformen auf den Schiffen rings um die Insel standen. Die Burg hielt stand, und als Pagano Beccaria von einem Pfeil ins Auge getötet wurde, zogen die Belagerer ab; der Feldzug endete mit der Einnahme von Nesso und seiner Burg. Den Krieg aber gewann Mailand. Im August 1127 musste Como, von Inselbewohnern und Mailändern gemeinsam eingenommen und geplündert, dem Abriss der Stadt und der Vorstädte Vico und Coloniola zustimmen; nur die Kirchen blieben verschont.
1169
Como erstand mit Friedrich Barbarossa neu. Die Stadt wurde ab 1158 wieder aufgebaut und gewann ihre Unabhängigkeit zurück, indem sie am Feldzug des Kaisers teilnahm, der 1162 in der Belagerung und Zerstörung Mailands gipfelte. 1169 zogen die Comasken mit Hilfe der Tre Pievi des oberen Sees, Dongo, Gravedona und Sorico, gegen die abtrünnigen Orte und gegen die Insel. Diesmal zerstörten sie sie von Grund auf: Sie rissen Festungswerke, Häuser, Kirchen und Mauern nieder und verstreuten die Steine im See, damit die Insel nie wieder aufgebaut werden konnte. Der Ort verschwand. Verschont blieb nur eine Abtei von Benediktinerinnen mit einer kleinen Kirche Johannes des Täufers; der Überlieferung nach wurden neun Kirchen geschleift. Mit der Zerstörung verbindet sich die Sage von einem Fluch über die Insel. 1175 bestätigte ein Erlass Friedrich Barbarossas das Verbot, sie wieder aufzubauen.
Keine Glocken sollen mehr läuten, kein Stein soll auf den anderen gesetzt werden, niemand soll dort je wieder Wirt sein, bei Strafe des gewaltsamen Todes.
Die Sage der Isola Comacina, im überlieferten Wortlaut der Volkstradition
Die neue Insel
Die Überlebenden setzten über den See und flohen nach Varenna am gegenüberliegenden Ufer. Auch Varenna, ein Verbündeter Mailands, war 1126 von den Comasken zerstört worden. Das Viertel, das man für die Flüchtlinge baute, erhielt den Namen Insula nova, neue Insel, der später auf den ganzen Ort überging. Den Verbannten von der Insel schreibt man auch die Einführung des patriarchinischen Ritus zu, der in den Kirchen von Varenna gefeiert wurde, bis der Bischof von Como den Wechsel zum römischen Ritus verlangte. Andere Inselbewohner verteilten sich auf die Dörfer am Ufer. Das Kapitel von Sant'Eufemia zog nach Balbiano, das den Namen Isola annahm, und baute dort seine neue Pfarrkirche mit derselben Weihe. Dabei wurden viele Reste der zerstörten Basilika wiederverwendet, darunter die Grabinschrift des Bischofs Agrippino, die sich noch heute in der Kirche Sant'Eufemia in Isola befindet. Die Flucht ist nicht vergessen. Seit dem 17. Jahrhundert erinnert das Fest San Giovanni jedes Jahr mit einem Feuerwerk an den Brand der Insel, und auf dem Wasser setzt man kleine Lichter aus, zum Gedenken an alle, die von einem Ufer zum anderen flohen.

Unter fünf Metern Erde
Die ersten archäologischen Grabungen gehen auf Ugo Monneret de Villard zurück. Anfang der 1910er-Jahre begann er südlich des Oratoriums San Giovanni aus dem 17. Jahrhundert zu graben und fand unter fünf Metern Schutt und Erde die Basilika Sant'Eufemia, die bis dahin völlig unbekannt war. Nach etwa einem Jahr lag ihr ganzer Grundriss frei: Stellenweise standen die Mauern noch bis zu drei Meter hoch, der Krypta fehlte nur ein Teil der Gewölbe, und viele liturgische Ausstattungsstücke waren im ursprünglichen Zustand erhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Forschungen mit dem Archäologen Mirabella Roberti und mit Luigi Mario Belloni wieder aufgenommen, der von 1958 bis 1978 auf der Insel arbeitete. Rund um San Giovanni kamen übereinander die Reste vieler Epochen zutage: ein römischer Bau, ein Saal mit zwei Apsiden, Mosaiken und bemalter Putz aus der Zeit zwischen dem 5. und dem 9. Jahrhundert, ein Taufbecken, ein spätantiker Befestigungsturm, der später in die Mauern einbezogen wurde, und eine romanische Kirche. An anderen Stellen fand man die Kirchen Santa Maria con il Portico und San Pietro in Castello wieder und erforschte die Reste der frühmittelalterlichen Siedlung. Unter dem Fußboden von San Giovanni ist noch eine römische Marmorkolonnade zu sehen, und Unterwasserforschungen rund um die Insel haben zahlreiche Funde ans Licht gebracht.

Gerade die Zerstörung fast bis auf die Grundmauern, die Krypta ausgenommen, hat Sant'Eufemia vor den Umbauten der folgenden Jahrhunderte bewahrt, vor allem vor den Restaurierungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die das Aussehen vieler romanischer Kirchen verändert haben. Die Basilika war über vierzig Meter lang und hatte drei Schiffe, getrennt durch zwei Reihen von je fünf achteckigen Pfeilern; das Mittelschiff war sehr breit. Sie schloss mit drei Apsiden, das Presbyterium lag erhöht über einer großen Krypta mit Kreuzgratgewölben und Nischen an den Wänden, und der Glockenturm stand an der Fassade. Die Leute vom Ort nennen die Ruinen noch heute il Duomo, den Dom. Das Kirchlein San Giovanni dagegen wurde zwischen 1670 und 1675 neu gebaut und 2008 restauriert. 1917 wurde die Insel König Albert I. von Belgien vermacht, der sie 1920 dem italienischen Staat schenkte; der Staat vertraute sie den Kunstakademien der Brera und von Brüssel an, und 1940 baute der Architekt Pietro Lingeri dort drei Künstlerhäuser.
Die historischen Ereignisse zu diesem Text finden Sie in der Zeitleiste des Sees.





