Die Y-Form des Sees erklärt, warum seine Ufer durch Fähren und nicht durch Brücken verbunden sind.
Punta Spartivento, zehn Minuten zu Fuß auf ebenem Weg vom Zentrum Bellagios, ist der Punkt, an dem sich der See teilt. Vorn öffnet sich das mittlere Becken in Richtung Menaggio und Varenna, dahinter beginnen die beiden Arme, der von Como und der von Lecco. Der See hat die Form eines Y, dessen zwei Arme nach Süden zeigen, und diese Form bestimmt auch, wie man von einem Ufer zum anderen kommt.
Ein vom Eis ausgehobenes Tal
Der See füllt ein enges, tiefes Tal. Während der quartären Eiszeiten stieß die Zunge des Addagletschers mehrmals aus dem Veltlin in Richtung Poebene vor und vertiefte jedes Mal eine bereits vorhandene Rinne, die zuvor das Wasser entlang von Bruchlinien im Fels ausgewaschen hatte. Anders als ein Fluss kann Eis auch unter den Meeresspiegel graben: Ein Fluss kann nicht tiefer als das Meer hinab, das seine Erosionsbasis ist.
Der Wasserspiegel liegt knapp unter zweihundert Metern über dem Meer, die größte Tiefe beträgt über vierhundert Meter: Der Grund des Sees liegt also etwa zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel. Es ist der tiefste See Italiens. Seine Fläche beträgt rund 145 Quadratkilometer, weniger als die des Gardasees und des Lago Maggiore, doch sein Ufer ist über 170 Kilometer lang, das längste Italiens. Der See ist sechsundvierzig Kilometer lang und an der breitesten Stelle gut vier Kilometer breit.
Der Grund des Comer Sees liegt etwa zweihundert Meter unter dem Meeresspiegel.
Die größte Tiefe beträgt 410 Meter, im Abschnitt zwischen Argegno und Nesso.
Warum zwei Arme
Von Norden kommend, traf der Gletscher auf ein Bergmassiv, das heute Triangolo Lariano heißt, mit dem 1682 Meter hohen Monte San Primo. Das Eis teilte sich in zwei Zungen, die zwei schon vorhandenen Tälern folgten: die eine nach Südwesten in Richtung Como, die andere nach Südosten in Richtung Lecco. Bellagio liegt an der Spitze dieses Massivs. Vom Castello di Vezio oberhalb von Varenna sieht man zugleich Bellagio gegenüber, links den Arm von Como und rechts den von Lecco.
Der Arm ohne Abfluss
Die Adda mündet im Norden zwischen Colico und Gera Lario in den See, wo sie mit den Sedimenten aus dem Veltlin die sumpfige Ebene des Pian di Spagna aufgeschüttet hat, und sie verlässt ihn an einer einzigen Stelle: in Lecco. Der Arm von Como hat keinen Abfluss.
Am Ende der letzten Eiszeit wurde der westliche Arm im Süden durch die Moränen- und Schwemmablagerungen verschlossen, die die Schwelle bilden, auf der Como steht, während das Wasser in Lecco einen tieferen, in den Fels geschnittenen Ausgang behielt, dem die Adda schon zuvor folgte.
Deshalb überflutet der See bei Hochwasser die Uferpromenade von Como, und die Piazza Cavour steht unter Wasser. Der Seespiegel wird unterhalb von Lecco am Wehr von Olginate reguliert, doch der Arm von Como hat keinen eigenen Ausgang. An Hochwassertagen geht man auf der Promenade über Holzstege.

Was sich für Reisende ändert
Zwischen den beiden Ufern der Seemitte gibt es weder Brücken noch Tunnel. Die Fähre zwischen Varenna und Bellagio braucht eine Viertelstunde; auf der Straße muss man über Lecco fahren, das Ostufer hinunter bis in die Stadt und am anderen Ufer des Arms wieder hinauf.

Dieselbe Geometrie erklärt die Eisenbahn. Die Strecke, die sich in Colico in Richtung Veltlin und Valchiavenna teilt, verläuft am Ostufer, wo sich die Rinne ohne Unterbrechung nach Norden fortsetzt: Lecco, Abbadia Lariana, Mandello del Lario, Lierna, Varenna, Bellano, Dervio, Colico. Das Westufer hat keine Bahn: Dort verläuft die schmale Staatsstraße Regina, mit Tunneln, in denen der Verkehr abwechselnd fährt. Ohne Auto bewegt man sich am Westufer mit Bus und Schiff.
Was sich für das Wasser ändert
Mit über vierhundert Metern Tiefe speichert der See viel Wärme. Er friert nicht zu, außer in einigen sehr flachen Buchten des oberen Sees, und er mildert das Klima der Ufer, die im Winter wärmer und im Sommer kühler sind. Deshalb wachsen in dieser Breite Kamelien und Olivenbäume im Freien.
Die Tiefe hat noch eine Folge: Die Ufer fallen steil ab, und es fehlt der flache, sandige Streifen, aus dem Strände entstehen. Wo es einen Strand gibt, wie die Riva Bianca in Lierna, das Ufer von Domaso oder die Ebene von Gera Lario, hat ihn meist das Delta eines Wildbachs aufgeschüttet, oder dort beginnt der Grund des oberen Sees zur Ebene der Adda anzusteigen.
Wo man sie sieht
Die Form des Sees sieht man gut von vier Orten aus. Von der frei zugänglichen Punta Spartivento. Vom Castello di Vezio, fünfundzwanzig Minuten Aufstieg von Varenna. Von der Standseilbahn Como–Brunate, die in sieben Minuten rund fünfhundert Meter über das erste Becken steigt. Und vom Monte San Primo, zwei Stunden zu Fuß, von dem aus man beide Arme und das Massiv dazwischen zugleich sieht.



